Monsieur Maurice (vormals Conrad) aus Frankreich

Sein neues Zuhause bei uns

In Gedenken an Willo und andere, für die unsere Hilfe zu spät kam Mittwoch, 17. August

Um ½ 4 Uhr nachmittags steht Nick endlich nach einer langen Fahrt mit Conrad im Auto vor unserem Tor. Die spannende Frage nun, was wird passieren, wenn Conrad auf ein Rudel von 10 Hunden stößt. Wie wird er reagieren, wie die anderen?

Nick lässt Conrad zuerst auf das Grundstück (ca. 15 Tausend Quadratmeter), dann erst unsere anderen aus dem Haus. Conrad ist durch die lange Fahrt und die plötzliche Möglichkeit überall herumlaufen zu dürfen völlig durch den Wind. Und dann  auch noch all die anderen Hunde, die ihn kennenlernen wollen. Eine echte Herausforderung für ihn. Doch Conrad meistert die Situation hervorragend. Freundlich und schwanzwedelnd begrüßt er die einzelnen Hunde. Dann fordert er etwas überschwänglich Lara, unseren Leithund, zum Spielen auf. Lara beantwortet seine Aufforderung mit einem  kurzen, schrillen Bellen, was so viel heißt, wie: Hör mal Junge, ob und wann ich mit dir spielen möchte, bestimme ich und nicht du. Conrad trollt sich unauffällig. Mir wird klar, dass Conrad ein erfahrener Meutehund ist.

Es wird Abend. Conrad will nichts essen und nicht schlafen. Doch eines will er, nämlich überall markieren, im Haus und draußen, egal wo, nicht nur ein paar Mal, sondern mindestens 20 Mal.  

Donnerstag, 18. August

Conrad beginnt langsam zu begreifen, dass jetzt für ihn ein neuer Lebensabschnitt begonnen hat. Ich sehe seine Papiere durch. Er saß über 1 ½ Jahre im Tierheim. Die Muskulatur in seinen Hinterläufen ist etwas atrophiert, das Fell ist glanzlos und stumpf, die Zähne sehen schlimm aus. Ein Auge ist halb geschlossen und tränt und ein Ohr bereitet ihm Schmerzen, er kratzt laufend daran.

Ich beobachte Conrad, wie er zusammen mit den anderen Hunden über das Grundstück läuft, manchmal auch allein und dann in den Hängen verschwindet. Er bewegt sich elegant und sicher.

Ich habe beschlossen, dass der Name Conrad nicht zu ihm passt, zumal er auf den Namen Conrad auch nicht hört. Schließlich war er im Tierheim nur eine Nummer. Ab heute heißt Conrad nun Monsieur Maurice, bzw. nur Maurice. Nick und ich finden, dass dieser Name viel besser zu ihm passt.

Freitag, 19. August

Nach einem Tag der Eingewöhnung stellen wir heute Maurice unserer Tierärztin vor. Nächsten Mittwoch wird er operiert. Er hat ein Roll-Lied, welches schon die Nick- und die Hornhaut beschädigt hat, so dass ein Teil des Augenlids weggeschnitten werden muss und die Zähne werden saniert. Auch hat sich herausgestellt, dass der eine Gehörgang völlig zugeschwollen ist. Es schmerzt ihn so sehr, dass die Ärztin erst wenn er in Narkose liegt, genau feststellen kann, was da zu machen ist.

Sonnabend, 20. August

Bisher:  Maurice traut sich immer noch nicht durch die Hundeklappe, obwohl Nick das täglich mit ihm übt. Nun muss vorläufig die Tür noch offen bleiben, Ergebnis, überall Mücken. Gute Nachricht ist, dass Maurice nun nicht mehr das Bedürfnis hat, ständig und überall zu markieren.

Weitere gute Nachrichten sind, dass Maurice sich weder für unsere 7 Minischweine noch für unsere 10 Katzen interessiert.  Maurice schläft nachts nicht auf den Ikea Betten in unserem Schlafzimmer, wo die anderen Hunde schlafen und schnarchen, sondern auf dem Fußboden direkt neben unserem Bett. Wenn er uns sieht, kommt er zu uns, wedelt mit dem Schwanz und will gestreichelt werden.

Ich habe ihm ein Körbchen direkt neben das Bett gestellt. Manchmal wache ich nachts auf, strecke die Hand aus dem Bett und Maurice steht auf und leckt mir die Hand ab – und ganz leise sage ich dann: ich hab dich lieb Maurice.

Und so manches Mal denke ich auch nachts an Willo, diesen sanften 12 Jahre alten Hund, dessen Foto ich so oft angesehen habe. Aus seinen Augen sprach der Wunsch und die Hoffnung: bitte hilf mir, rette mich. Willo wurde getötet. Er wurde getötet, bevor wir alle den Hilferuf erhielten, diese Hunde aus Frankreich  zu retten, ausrangierte Meutehunde, die dort niemand haben will.

Danke an alle, die geholfen haben so viele dieser lieben, sanften Hunde im letzten Moment zu retten! Ich hoffe, dass noch einige andere dieser Hunde ein neues Leben beginnen dürfen, damit ihnen ein Schicksal, wie das des sanften Willo, erspart bleibt.    

Sonntag, 28. August

Am vergangenen Mittwoch wurde Maurice operiert. Was seine Zähne betrifft, so hätte ich ein Foto „vorher“ und „nachher“ machen sollen. Dann hätte er bestimmt einen Vertrag bekommen bei einer Firma, die Zahnpasta Werbung im Fernsehen bringt. Er hatte nur einen zerbrochenen Backenzahn, der gezogen werden musste und massiv Zahnstein. Jetzt sind seine Zähne wie neu. Das rechte Augenlid wurde operiert und Dank der feinen und sehr kurzen Fäden muss er jetzt keinen Kragen tragen. Leider hat sich herausgestellt, dass es sich bei seinen Ohrenschmerzen nicht um eine Ohrenentzündung handelt, die wir mit Antibiotika hätten heilen können. Maurice hat eine Knorpelwucherung im rechten Ohr, die den Gehörgang fast völlig verschließt. Würde man die Wucherung operativ entfernen, müsste das gesamte äußere Ohr entfernt werden, so dass der Gehörgang völlig frei und ungeschützt wäre. So gibt es wenig was wir tun können. Trotz Ohrentropfen bereitet das Ohr ihm nach wie vor Probleme und er kratzt ständig. Wenigstens lässt er jetzt zu, dass Nick ihm die Tropfen ins Ohr träufelt. 

Maurice ist jetzt 11 Tage bei uns. Alles ist friedlich und mir kommt es vor, als sei er schon Monate bei uns. Doch wir Menschen sind oft zu voreilig und ungeduldig. Die Stellung, die er in der Rangordnung im Rudel einnehmen wird, ist sicher noch nicht geklärt. So mag es noch zu einigen Differenzen zwischen den Hunden kommen. Das werden sie untereinander klären. Aus der Vergangenheit habe ich gelernt, was für schwerwiegende Folgen es für die Hunde hat, wenn wir da eingreifen, indem wir den einen bevorzugen und einen anderen benachteiligen. Nur wenn es allzu heftig wird, muss man natürlich eingreifen um Schlimmeres zu verhindern. Klar würde ich am liebsten Maurice immerzu streicheln und ihm Küsschen auf den Kopf geben. Doch die anderen würden das sofort registrieren und sich benachteiligt fühlen und wenn ich dann mal nicht in der Nähe wäre, würden sie ihn niedermachen.   

Montag, 29. August

Ich habe beschlossen, dass Maurice nicht kastriert wird. In den ersten Tagen versuchte er, die anderen Hunde, egal ob Weiblein oder Männlein zu besteigen. Was tut ein Rüde, wenn er auf ein bereits bestehendes Rudel trifft und sich seiner Position in diesem Rudel noch nicht sicher ist? Er versucht vorsichtshalber erst mal den Macho herauszukehren, damit er nicht gleich untergebuttert wird. Jetzt verhält sich Maurice völlig unauffällig und zeigt kein dominantes Verhalten. Eine Kastration beim Rüden ist sicher nur ein kleiner Eingriff, doch mit schwerwiegenden und unabänderlichen Folgen. Was hat Maurice wohl alles durchgemacht, wahrscheinlich Haltung in einer Meute, danach definitiv 1 ½ Jahre Tierheim, jetzt bei uns in einem neuen Rudel und bei Menschen, die ihn endlich lieb haben. Bis vor einigen Jahren glaubte ich, man müsse alle Rüden, egal ob jung oder alt kastrieren. Das war falsch und ich habe diese leichtfertig getroffene Entscheidung später oft bereut. Wenn man einen Rüden kastriert, der nicht dominant ist, sondern eher schüchtern und zurückhaltend, nimmt man ihm das letzte Restchen an Selbstbewusstsein. Sein ganzer Hormonhaushalt wird durcheinander gebracht und wenn er vorher schon etwas unsicher war wird er durch die Kastration nur noch unsicherer. 

Maurice geht auf Schnäppchenjagd im Baumarkt
 

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