Holly – Am Ende des Tunnels war Licht

Es war Anfang Juli, als uns der Hilferuf französischer Tierschützer erreichte. In einem völlig überfüllten Tierheim in Frankreich sollten zumeist ältere Meutehunde, wie Beagle, Harrier und viele  Französische Laufhunde (Anglo-Francais) eingeschläfert werden.  Einige der ältesten Hunde waren bereits eingeschläfert worden.  Anbei erhielten wir eine Liste mit den Fotos der Hunde. Wir hatten beschlossen einen der größten Laufhunde aufzunehmen, dem wir später den Namen Maurice gaben. Dann fiel mein Blick auf das Foto von Holly. Sie sah alt und so zerbrechlich und unendlich traurig aus. Da stand für mich fest, dass Holly so schnell wie möglich zu uns kommen sollte. Je länger sie in diesem Tierheim sein würde, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass man sie töten würde. Es kamen die ersten Hunde heraus, es kamen die nächsten Hunde heraus, doch nicht in unsere Richtung. Dann stand fest, dass Holly und Maurice am 17. August in einem kleinen Transport bis ca. drei Stunden von Berlin entfernt gebracht werden würden und Nick unsere beiden Hunde abholen würde. Doch Holly war nicht dabei! Als man sie am Vortag transportfähig machen wollte, hatte sie einen Schwächeanfall und war umgefallen. Sie durfte nicht mit, musste weiter im Tierheim bleiben.

Es begann eine Zeit, wo ich täglich Angst hatte, ich würde eine Mail oder einen Anruf bekommen, dass  Holly nicht mehr leben würde.  Die Möglichkeit, dass Nick selbst dort hinfliegen würde, um Holly zu holen, mussten wir schnell ausschließen. Von Berlin nach Paris, von dort weiter an die Atlantikküste, ca. 700 Euro plus Übernachtung. Das konnten wir uns nicht leisten und Billigflüge dorthin gab es auch nicht. Eine Flugpatin, die bereit war Holly von Paris nach Berlin mitzunehmen, kam auch nicht in Frage. Es gab niemanden, der Holly vom Tierheim bis nach Paris, ca. fünf Stunden Fahrt, hätte bringen können. Täglich dachte ich an Holly und dann kam mir eine Idee. Ich erinnerte mich an ein Ehepaar aus Bayern, die einen etwas älteren Beagle erst mal zur Pflege aufnehmen wollten. Sie hatten mir gesagt, dass sie in Frankreich an der Atlantikküste Urlaub machen würden und sogar bereit wären auf dem Rückweg einen Hund aus dem französischen Tierheim abzuholen und mitzunehmen. Ich hatte ihnen gesagt das sei nicht notwendig, bis dahin würden alle Hunde bereits nach Deutschland gebracht worden sein. Zwei Tage vor ihrer Rückfahrt nach vielen Telefonaten und Mails hatten wir nun eine  Lösung gefunden. Die Tierschützer würden Holly vom Tierheim nach Bordeaux bringen und dort würde das Ehepaar sie mit nach Bayern nehmen. Doch einen Tag vor ihrer Abfahrt teilten mir die Tierschützer mit, sie hätten niemanden der Holly an dem Tag nach Bordeaux fahren könne, immerhin zwei bis drei Stunden Fahrt. Ich war am Verzweifeln.

Dann geschah etwas, was ich fast wie ein kleines Wunder empfand. Das Ehepaar würde Holly selbst im Tierheim abholen, ein Riesenumweg für sie, denn sie hatten eine ganz andere Reiseroute geplant. So kam Holly am Sonntag, den 11. September in Niederbayern an. Die erste Hürde war endlich genommen. Am 25. September würde eine befreundete Tierschützerin Holly aus Bayern mit nach Berlin nehmen können. Würde Holly bis dahin bei dem Ehepaar bleiben dürfen oder müsste ich sie für die 14 Tage bei anderen Tierschützern in Bayern unterbringen müssen? Wieder Mails und Telefonieren, wer dort in der Nähe könnte sie vorübergehend aufnehmen. Nicht wissend, wie es nun weitergehen würde, fasste ich mir zwei Tage später ein Herz und rief das Ehepaar abends an. Lange sprach ich mit der Frau am Telefon und am Ende des Gesprächs weinten wir beide.

Es war so etwas wie ein zweites kleines Wunder geschehen. Sie hatten Holly so lieb gewonnen und wollten sie so gern behalten, hatten aber Angst ich würde nun unbedingt wollen, dass sie zu uns kommt. In den letzten Zeilen der Mail, die ich noch am gleichen Abend erhielt, hieß es: „Wir haben inzwischen telefoniert und sind unendlich glücklich über diesen neuen Zuwachs – Danke Ihnen ganz persönlich, auch im Namen meines überglücklichen Mannes!“  - Und während ich jetzt diese Zeilen schreibe, kommen mir wieder die Tränen. Nicht mir haben diese wundervollen Menschen zu danken, nein, ich habe ihnen zu danken. Holly hätte nirgendwo ein besseres Zuhause bekommen können. Sie wird gestreichelt, geliebt, umsorgt, verwöhnt mit Leckereien. Nachts bleibt ein Licht für Holly an und wenn sie dann einen ihrer häufigen, schlimmen Hustenanfälle bekommt, ist sofort jemand bei ihr um sie zu beruhigen.

Ende letzter Woche war das Ehepaar beim Tierarzt. Als wir danach miteinander telefonierten, fiel es uns wieder schwer die Tränen zu unterdrücken. Diesmal waren es keine Tränen der Freude. Es war für die Besitzer von Holly ein Gefühl der Ohnmacht, der Trauer, des Schmerzes und der Wut gegen jene Menschen, die das Leben dieses kleinen, so lieben Wesen mit Füßen getreten hatten und ich konnte nur zu gut ihre Gefühle nachvollziehen. Holly wurde gründlich untersucht und Röntgenaufnahmen der Lunge gemacht. Diagnose Lungenkrebs, nur noch ein Teil der Lunge ist funktionsfähig. Nun bekommt sie Prednisolon, ein Kortison Präparat und der Husten hat schon etwas nachgelassen. Doch viel Zeit bleibt ihr nicht mehr.

In den nächsten Tagen wird Hollys Familie selbst etwas über sie schreiben. Dem will ich nicht vorgreifen!

Obwohl ich Holly nie gesehen habe und in die Arme nehmen konnte, habe ich sie so lieb gewonnen. Doch hier geht es nicht um mich, denn ich habe nur einen kleinen Beitrag geleistet, damit Holly gerettet werden konnte. Nicht Außenstehende, sondern nur die Menschen, die Holly aufgenommen haben, werden darüber entscheiden, ob es tatsächlich kein Trost für sie ist, dass Holly wenigstens noch ein paar schöne Wochen gehabt haben wird am Ende ihres Lebens. Auch sind es sie allein, die die Gefühle von Wut und Trauer verarbeiten werden müssen.  Diesen beiden wundervollen Menschen, die Holly aufgenommen haben und ihr all die Liebe schenken, die sie ein ganzes, langes Leben entbehren musste, gilt meine Verbundenheit, mein Dank und meine Hochachtung. Für sie ist es eine unbeschreiblich schwere Zeit, die ihnen bevorsteht.

Im Text des Tierheims über Holly Bild stand: Ankunft 7.9.2010, Name Holly, Beagle tricolore, abgemagert und alt, geschätztes Geburtsdatum 1996, Fundhund, wenn nicht in 10 Tagen abgeholt, Freigabe zur Vermittlung.

Holly musste durch einen langen, dunklen Tunnel gehen, doch am Ende des Tunnels war Licht und Liebe und Geborgenheit. Mir fehlen die Worte, um das auszudrücken, was ich für diese beiden Menschen empfinde, die sich die Bürde der Wiedergutmachung für all das was diesem alten, kranken Hund geschehen ist, selbst auferlegt haben.

Holly, fast am Ende ihres Lebens angekommen, hat endlich ein Zuhause gefunden!Auch heute, Sonntag, schien den ganzen Tag die Sonne, für Euch, für uns, für Holly und für ihre Menschen. Habe gestern mit Frau K. gesprochen und habe gute Neuigkeiten zu berichten. Nachdem der Tierarzt Holly Prednisolon verschrieben hat, bekommt sie keine Hustenanfälle mehr. Und es gibt noch andere positive Nachrichten. Anfänglich hatte sie Zuckungen in den Hinterbeinen und die knickten manchmal seitlich einfach weg. Auch das ist jetzt nicht mehr der Fall. Nach 14 Tagen in ihrem neuen Zuhause hat sie sich so gut gemacht, dass sie sich auf jeden Spaziergang freut und sogar schon an der Leine zieht, weil es gar nicht schnell genug für sie gehen kann. Bei ihren Menschen dreht sich alles nur noch um Holly. Sie ist der Mittelpunkt und das hat sie ganz bestimmt verdient.
Ich habe mir gestern erklären lassen, dass es vier wichtige Dinge in Holly`s Leben gibt. Das erste ist schlafen, denn Holly ist unendlich müde nach all dem was sie durchgemacht hat und sicher auch durch ihre Krankheit. Das zweite ist fressen, denn dreimal am Tag bekommt sie leckeres und selbstgekochtes Essen und braucht keine Angst zu haben, dass jemand der größer ist als sie, es ihr wegschnappt. Das Dritte ist schmusen, davon kann Holly überhaupt nicht genug bekommen. Und wenn ihre Menschen mal eine Pause einlegen möchten, dann geht sie noch einen Schritt näher auf sie zu, als wollte sie sagen: „mach weiter“. Dann gibt es da noch etwas, was Holly über alles liebt. Wenn ihre Menschen ihr Geschirr in die Hand nehmen um es ihr anzulegen, ist sie außer Rand und Band. Spazieren gehen und überall herumzuschnüffeln liebt sie über alles. Es hat sich herausgestellt, dass Holly taub ist, aber das ist bestimmt kein Hindernis für sie, ihr Leben zu genießen.

Hoffen wir nicht darauf, dass Holly noch ein Jahr oder ein halbes Jahr lebt. Freuen wir uns gemeinsam darüber, dass sie jetzt und heute lebt und ihr Leben so sehr genießt - denn morgen ist erst morgen.

Wann immer Holly sich von dieser Welt verabschiedet, sie wird als geschätztes und geliebtes Familienmitglied gehen. - Holly hat jetzt endlich einen schönen Lebensabend und sie wird endlich geliebt. - Wir alle wünschen Holly und ihren bewundernswerten Menschen alles Glück der Welt und viele gute Tage zusammen. - Wir alle drücken Holly alle Daumen und Pfoten in der Hoffnung, dass es helfen mag.

Vielleicht hat das Daumendrücken schon geholfen. Heute schien den ganzen Tag die Sonne, auch für Holly. Habe heute mit ihrer Familie gesprochen.

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